Seminare der Berufsgenossenschaft

Es ist Montag, 1. Juli 213 morgens 9.00 Uhr. Die Autos sind auf dem Lehrerparkplatz abgestellt. Pauls Trabbi neben Herrn Ranfts Geländewagen. Wer wem nun 'ne Schramme reinfahren könnte, wollen wir nicht weiter erörtern. Wir treffen uns im Klassenraum, wo Frau Grambs die Zettel für die Notabholung einsammelt. Wer sich nicht benimmt, wird von den Eltern wieder mitgenommen. Aber wir sind alle brav. Dann geht’s zum Bus. Nach kurzer Fahrt kommen wir bei strahlendem Sonnenschein im Weiterbildungszentrum der Berufsgenossenschaft für Nahrungsmittel und Gastgewerbe in Reinhardsbrunn an.

Das großzügige Gebäude inmitten eines idyllischen Waldes nimmt uns herzlich auf. Zunächst werden die Zimmer verteilt. Da mehrere Gruppen sowie Meisterlehrgänge gleichzeitig ablaufen, sind Doppelbelegungen nötig. Doch die Betten sind riesig – zu zweit darin zu schlafen ist kein Problem. Die Ausstattung lässt keine Wünsche offen, ein Hotel könnte nicht besser sein. Jedes Zimmer besitzt einen Fernseher, aber wer den hier anschaltet ist selber Schuld. Ins Internet kommt man kostenlos über das hauseigene W-Lan. Wer den Laptop mit bringt muss auch nicht auf den täglichen Aktiencheck verzichten. Mit dem Netzempfang einiger Anbieter sieht es da schon schlechter aus. Zumindest ist das mal ein Grund nicht ständig auf dem Handy rum zu dillern, wie die Lehrer erfreut feststellen. Aber spätestens seit dem Madlen uns erzählt hat, dass sie ihren Freund aus dem Internet hat, wissen wir – Kommunikation ist alles. Dementsprechend geht’s auch gleich zu einem kleinen Besprechungs- und Raucherpäuschen auf die Terrasse. Unnötig zu erwähnen, dass das Rauchen in den Zimmern nicht gestattet ist. Selbst bei fehlender Pyjamahose sollte man sich den Abstecher für das Gute-Nacht-Zigarrettchen an die frische Luft nicht entgehen lassen. Das gemütliche Beisammensein auf den Holzbänken ist in jeder freien Minute äußerst beliebt.

Nach dem Beziehen der Zimmer und dem ersten neugierigen Inspizieren der Örtlichkeiten gibt es auch schon das Mittagessen. Typisch Montag – es gibt Suppe. Auch noch Gemüsesuppe! Einzig rettendes Element sind die Wiener Würstchen darin – schließlich ist das ja eine Veranstaltung für Fleischer und Fachverkäufer. Und genau damit geht es nun auch endlich los, Herr Wolf gibt uns die Einführung in die Organisation des Hauses und bespricht die wesentlichen Bestandteile des Arbeitsschutzes. Die obligatorische Vorstellungsrunde darf natürlich auch nicht fehlen. Zum Glück sind die Bürosessel bequem, anders ließen sich die anderthalb Stunden Sitzen nicht lange aushalten.

Pünktlich um 15.00 Uhr gibt es Kaffee und selbstgebackenen Kuchen. Über die Verpflegung in Reinhardsbrunn ließen sich mehrbändige Werke schreiben. Sollte man länger als drei Tage bleiben, bestünde wohl die Gefahr, dass man in den breiten Sesseln irgendwann stecken bleibt. Vielleicht ist das auch die Taktik, um uns unruhige Azubis so lange im Vortragsraum fesseln zu können. Dennoch vergeht die Zeit relativ schnell. Schluss ist um 17.00 Uhr. Bis dahin berichtet uns Herr Wolf von selbst erlebten Unfällen und besonders schlimmen Fällen, in denen die Berufsgenossenschaft geholfen hat. Dass wir in keinem ungefährlichen Umfeld arbeiten, war uns schon klar. Welche haarsträubenden Dinge aber manchmal passieren und welche Folgen sie hinterlassen, macht uns dann doch etwas sprachlos. Tägliche Routinearbeiten erscheinen in einem anderen Licht. Überhaupt ist das Hauptziel der ganzen Aktion, das Bewusstsein zu schärfen. Ein geregelter Arbeitsprozess ohne übertriebene Hektik mit umsichtigen und rücksichtsvollen Kollegen schließt viele unschöne Vorkommnisse von vornherein aus.

Positiv ist auch, dass wir immer wieder ermutigt werden, den Verantwortlichen Fragen zu stellen und Bedenken zu äußern. Manchmal ist es eben nur die bedenkenlos abgestellte Platte auf der Treppe. Eine Platte, die so wie unzählige Male vorher dort für den Aufwasch platziert wurde. Über die der Leser vielleicht schon jetzt den Kopf schüttelt, was macht so eine Stolperfalle auf einer Treppe? Na, jemanden zum Stolpern bringen! Und seit dem steht dort nichts mehr herum. Die berüchtigte ordentliche Hälfte des Leben sollte sich möglichst mit dem Arbeitsleben überschneiden.

Wo man zuhause seine Ausbeiner versteckt, geht ja auch niemanden etwas an.

Nunja, Zeit für das Abendbrot. Dieses dürfte auch den größten Zweifler wieder überzeugt haben – es gibt Spanferkel mit Sauerkraut, sowie ein kaltes Büffet und jederzeit selbstgebackenes Brot und Brötchen. Da die Schilderungen der leiblichen Versorgung etwas ausufern könnten, werden sie ab jetzt unter den Tisch fallen. Verlieren wir lieber ein paar Worte über die Einrichtung des Gebäudes. Zunächst wären da historische Fleischermaschinen aus den 1930er bis 60er Jahren, hübsch rot lackiert, klein und mit offen sichtbarem Antrieb, unter anderem auch zum Kurbeln, verteilt im ganzen Haus. Dann ist da die Einrichtung eines Fleischerladens mit bemalten Fließen. Waage, Aufschnittmaschine und die anderen Geräte – alles sieht aus wie aus einem Guss. Wer einen passenden Vergleich sucht, findet den in einem Laden für Molkereiprodukte in Dresden. Dass das Lebensmittelhandwerk neben Tradition und Bodenständigkeit auch eine gewisse Ästhetik besitzt, wird hier ganz deutlich.

Schließlich ist die schönste Zeit angebrochen – die Freizeit. Wein, Cocktails, Bier – der abendliche Umtrunk ist gesichert. Wellness und Sport gibt’s in Sauna und Geräteraum. Die beliebteste Beschäftigung bleibt aber dennoch das Kegeln. Ob Seepferdchen oder Kegelrobbe – jedes Viech der Welt würde wohl angerufen werden um den Gegner durcheinander zu bringen. Dart, Billiard und Spielekonsolen stehen ebenfalls bereit. Für die, die draußen zuhause sind, gibt’s ein Volleyballfeld, einen Pavillon, Liegen, Tischtennisplatten und Joggingwege zum Blumengarten und durch den Wald. Auch possierlichen Tierchen wie Bachstelzen und Eichelhähern kann man begegnen. So langsam begreift man, wer hier war braucht keinen Urlaub mehr. Noch dazu, weil man diese Zeit mit guten Freunden verbringt und fast wie nebenbei noch etwas für die Arbeit lernt.

Der nächste Tag beginnt langsam. Heute steht die Verkehrssicherheit auf dem Programm. Herr Thomson von der DRV (man vergleiche mit den Plakaten an Autobahnen, z.B. "Hallo Raser, wir warten") sensibilisiert uns für Risiken wie Alkohol- und Drogenkonsum, Rasen, Ablenkungen während des Fahrens und und und. Dass die Zahl der Verkehrstoten (in unserer Altersgruppe die häufigste Todesursache!) seit ein paar Jahren rückläufig ist, ist auch sein Verdienst. Warum machen wir das – Wegeunfälle sind versichert. Überhaupt lässt sich unsere Berufsgenossenschaft im Unfallfall nicht lumpen. Die Zukunft nach der Ausbildung im Fleischerhandwerk ist das Thema der nächsten Referentin Frau Neun. Welche Wettbewerbe es für Fleischer und Fachverkäufer gibt und was man dafür können muss wurde uns bis ins Detail erklärt.

Wie sie Deutschlands beste Jungfleischerin geworden ist, wurde sogar von Galileo mit der Kamera verfolgt. Der darauf folgende Rundgang durch den Musterfleischerladen sowie den Musterproduktionsraum hinterlässt alle Azubis tief beeindruckt. Die Möglichkeiten zur Risikominimierung und zur Förderung der Ergonomie scheinen unbegrenzt zu sein. Abgerundet wird der Tag durch weitere Unfallberichte durch Herrn Wolf. Rauchharzentferner, Füllmaschine, Verpackungsmaschine, Abschwarter – die Gefahrenstellen sind vielfältig. Fragwürdige Zeitersparnis, Unachtsamkeit, Manipulation – die Unfallursachen ebenfalls. Letzten Endes bleibt die Erkenntnis – an die Regeln halten und nicht ablenken lassen. Schule ist wie ein Apfel – am Ende bleibt der Grips.

Der letzte Tag bricht an. Nach dem Kegel-Marathon vom gestrigen Abend mit anschließendem gemütlichen Beisammensein im Reinhardskeller halten wir uns gerade so aufrecht. Herr Wolf möchte uns heute mit Gruppenarbeit begeistern. Auch unsere Eincremefähigkeiten werden später noch analysiert. Hautschutz ist ein wichtiges Thema. Doch zuerst ein paar Filme zum Fahrsicherheitstraining – es sieht definitiv nach nützlichem Spaß aus. 100 %ige Sicherheit gibt es nie und man muss immer mit den Fehlern anderer rechnen. Fehler haben viele Gesichter. Meine Gruppenarbeit steht unter dem Motto "Heben und Tragen". Wer hat im Betrieb nicht schon mal mehr getragen, als gut für ihn gewesen wäre? Wer wurde schon von Kollegen oder gar dem Chef oder erzwungenermaßen, gut tut das niemandem. Mein Rücken hat noch nicht gelitten. Aber ein Zeichen von Mitgefühl ist es nicht gerade, anderen so etwas zuzumuten. Doch erfreulicherweise berichten gleich mehrere Lehrlinge, dass solcherlei Praktiken in ihren Betrieben nicht geduldet werden. Jeder zweite klagt in Deutschland über Rückenschmerzen. Der Rücken ist wie die inneren Organe Niere oder Leber – einmal kaputt, nicht mehr zu retten. Aber auch die anderen Vorträge zur Ersten Hilfe, geeigneten Arbeitsschuhen, dem Hautschutz und der Beaufsichtigung von Azubis durch Kollegen und Vorgesetzte werden auf kreative Art und Weise umgesetzt. Diese Form des Unterrichts, das wird uns klar, fördert durch die Umsetzung in Eigenregie den Lernprozess. Mittels Schwarzlicht konnten wir danach unser Eincremeverhalten überprüfen. Im Stil von "Wer wird Millionär" folgte nun ein kleines Quiz. Nicht alle wussten, dass bei einem Arbeitsunfall zunächst der Chef die Kosten übernehmen muss. Trotzdem bekamen wir unsere imaginäre Million. Nach der Zertifikatsverteilung ging es zum Bus. Aber erst musste noch für ein paar Gruppenfotos posiert werden. Leider verging die Zeit viel zu schnell. An unseren Aufenthalt werden wir immer gern zurück denken. Auf Wiedersehen, Reinhardsbrunn.

Die Azubis der 11 Fl und 11FV-BKF

Zurück